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Was wir vermissen von Marokko

Wir haben uns riesig gefreut das erste mal in unserem Leben einen Fuss auf den afrikanischen Kontinent zu setzen. Viele Leute warnten uns davor. Wir können heute – nachdem wir dieses Land bereist haben – nichts finden was wirklich gefährlich ist. Aber gefangen hat uns das Land dennoch nicht.

Eines gleich vorneweg. Ja, als wir in Marokko waren, sind zwei nordländische Frauen ermordet worden. Und das sogar nicht weit von unserem damaligen Standort entfernt. Dennoch ist es in diesem Land keineswegs gefährlicher als in einer europäischen Grossstadt. 

Liest man die Tageszeitungen durch, dann kann jeden Tag von einem Mord gelesen werden. Und das geschieht gleich um die Ecke. Sei das in Zürich, St. Gallen, Frankfurt, Mainz, Bonn, Paris oder wo auch immer. 

Schlagzeilen wie

  • „Leiche lag blutüberströmt in der Feldmark Mord-Rätsel um Fatemeh B“: Quelle: Bild vom 18.2.2019
  • „Ehepaar ermordet und eingemauert“: Quelle: Spiegel online vom 18.2.2019
  • „Mord in Dornbirn weckt Erinnerungen“: Quelle: NöN.at vom 13.2.2019
  • „Mord in Aarau. Polizei nimmt Verdächtigen fest.“ Quelle: nfz.ch vom 14.2.2019

sind nur sinnlose Panikmache der Medien und sollte viel distanzierter und kritischer betrachtet werden. Nicht vergessen – das ist geschehen – zu Hause gleich um die Ecke!

Wir vermissen unsere Freunde

Wir haben uns am 17. März 2018 kennen gelernt. Das sind Yvonne und Guido mit ihrem Landcruiser (www.travely.ch) und Sybille und Herrmann mit ihrem Iveco Daily (www.d-hai.ch). Damals haben wir festgestellt, dass wir alle sechs zuerst Europa bereisen und die Wintermonate im Süden verbringen wollen. So ist eine Gruppe entstanden die zum Plan hatte, Weihnachten 2018 in der marokkanischen Wüste zu verbringen. 

Es ist uns gelungen zu Weihnachten in der Wüste zu sein und zu feiern. Wir haben aber zusammen noch mehr erlebt. Bei einer Fahrt zu sechst vom Dades- rüber ins Todra-Tal standen wir zuerst auf rund 1500 Meter über Meer an einem schönen Platz. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was auf uns zukommen würde. Leider – und das hat sich im Nachhinein aber als absolut richtige Entscheidung rausgestellt – wurde Sybille krank und so entschieden sich Sybille und Herrmann, wieder runter ins Tal zu fahren und die Grippe zu kurieren.

Vertrauen fassen auf die Schnelle

So sind Yvonne und Guido und wir Dubu’s losgefahren. Die Route wird als Strasse in den offiziellen Strassenkarten mit Nummer geführt. Wobei Papier halt geduldig ist und sich nicht um Einflüsse des Wetters kümmert. So haben zwei, drei Monate zuvor heftigste Regengüsse stattgefunden und die Strasse einfach so weggeschwemmt. Da mussten wir also in ausgetrockneten Flussbeeten die Fahrt auf den Pass antreten. Rund 5 Stunden dauerte die Fahrt rauf auf über 2700 Meter über Meer. Oben angekommen waren wir uns einig, dass dies eine kraftraubende Fahrt war und wir diskutierten, ob wir wirklich vorwärts fahren wollen oder wieder umkehren sollen. Am nächsten Morgen entschieden wir gemeinsam, dass wir vorwärts fahren – ohne genau zu wissen, was uns noch bevor steht. Auf dem Navi war zu sehen, dass die Strasse an mehreren Stellen Kehrtwenden aufweist. Und wie es so ist in den Bergen, geht es an der einen Seite steil nach oben und auf der anderen Seite steil nach unten. Blöd halt…

Travely’s Fahrt

Dann kam diese eine Stelle. Der Landcruiser, kleiner und leichter als der Duro, fuhr vor. Also Guido fuhr vor – und er hat beim Fahren die Ruhe weg. Eine Rechts-Kurve von grob geschätzt 110° bis 120° die nach innen durch den Regen ausgewaschen war, die nach rechts abfallend war und die Strasse zu schmal um grosszügig ausholen zu können. Zudem mitten in der Kurve noch in eine Senke führte. Also – Rechtskurve, beim engsten Radius ausgewaschen, da steil abfallend, links keine Ausholmöglichkeiten und mitten drin noch eine Senke. So ziemlich das blödeste was man antreffen kann. Guido startete die Fahrt nachdem wir uns abgesprochen hatten. Langsam vorwärts… ausholen… in die Kurve rein… vorne rechts kippt das Fahrzeug in die Senke… hinten links geht es hoch… langsam weiter vorwärts. Im engsten Teil der Kurve unterlegten wir grosszügig schwere Steine um den Rädern mehr halt zu geben. Noch ein wenig vorwärts… dann kurz rückwärts… weiter ausholen… vorwärts… noch mehr Steine und Sandbleche unterlegen. Das vordere rechte Rad hängt mittlerweile einen Meter hoch in der Luft da die Verschränkung des Toyotas an der Grenze angekommen ist. Schweisstropfen bilden sich bei allen Vieren auf der Stirn. Langsam vorwärts, noch ein Stück, noch ein Stück und dann… Quietsch… der Grauwassertank hat an der oberen Ecke der Senke aufgesetzt. Mist – ab jetzt geht es nur noch vorwärts. Langsam weiter und raus aus der Kurve auf die Strasse. Zum Glück hat sich der Schaden am Tank nur als kleine Delle erwiesen.

Dubu’s Fahrt

Doch jetzt der Duro. Radstand 3,888 Meter was nur ein kleines bisschen mehr ist als beim Landcruiser. Dafür wiegen wir fast zwei Tonnen mehr. Verschränkung jedoch fast ohne Ende. Ich hole soweit es geht aus bevor ich in die Kurve ziehe und damit auch in die Senke fahre. Langsam gleite ich vorwärts. Guido gibt vorne Zeichen – mehr links, jetzt mehr rechts einlenken. Genauso habe ich es bei ihm auch gemacht. Und dann sitze ich in der Senke. Der rechte hintere Reifen drückt die Steine weg – kein Wunder bei dem Gewicht. Wären keine Steine da, das Rad hinge über dem Abgrund. Wir legen noch mehr Steine zu, Sandbleche für grössere Verteilung der Auflage. Ich konnte zuvor ein einziges mal noch kurz rückwärts fahren und die Spur korrigieren – mehr war nicht drin. Wir besprechen die Situation und kommen überein, dass wenn Guido sieht, dass das hintere rechte Rad weggleitet er „GAS“ schreit und ich Vollgas gebe in der Hoffnung damit genug Kraft und Schwung auf den drei anderen Rändern zu haben. Der Vorteil beim Duro ist, dass in vielen Situationen alle vier Räder Bodenkontakt haben aufgrund des De Dion-Fahrwerkes. Und es gelingt… Aufregung pur. Allesamt sind wir erleichtert und glücklich ist nichts schlimmes passiert. Diese Geschichte wird uns ewig in Erinnerung bleiben. Solche Erfahrungen schenken Vertrauen in eine andere Person. Ich bin sehr froh durfte ich diese Erfahrung mit Guido machen. 

PS: Es stellte sich dann noch heraus, dass wir Dubu’s ein Mehrnutzung-Abonnement für die Sandbleche von Yvonne und Guido hätten lösen sollen. Der Duro ist zwar enorm Geländegängig, aber feiner und tiefer Sand hat er nicht so gerne. Jetzt schaffen wir uns auch Sandbleche an. Aber das ist eine andere Geschichte. 🙂

Wir vermissen die Ruhe der Wüste

Ich glaube das ist das einzige was wir aus Marokko wirklich vermissen. Die Ruhe in der Wüste ist sagenhaft erholsam. Keine Motorengeräusche, kein Zug dessen Räder kreischen, kein Flugzeuglärm, kein Gerede und Geplapper, kein Vogelgezwitscher, kein Rasenmäher vom Nachbarn… einfach nur Stille. Ok, der Tinnitus ist dabei leichter zu hören was folglich doch nicht so angenehm ist. 🙂

Diese Ruhe gibt der Seele die nötige Erholung in unserer gehetzten, unter Dauerdruck stehenden Arbeits-Welt. 

Wir vermissen die Marokkaner

Die Marokkaner sind freundlich und hilfsbereit – so zumindest der allgemeine Tenor über dieses Volk. Wir haben diese Erfahrung auch machen können wobei sich die vielgerühmte Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft aus unserer Sicht immer mit einem geschäftlichen Hintergedanken präsentiert hat. Freundlich und mit vorgestreckter Hand zur Begrüssung kommt ein Marokkaner auf mich zu. Eine nette Geste – höflich, freundlich, zugewandt begrüssend, offen, neugierig – so das Offensichtliche. Sobald ich ihm die Hand zur Begrüssung entgegenstrecke und wir diese sogleich auch schütteln, lächelt er und fragt: „ça va?“ Ich erwidere seine Worte mit: „Bien merci, et vous?“ Dann ist es auch meist vorbei mit der Freundlichkeit. Der nächste Satz lautet dann meistens:“Ich habe gute Teppiche. Komm in meinen Laden und schau dich um.“ Die Leute auf der Strasse sind dagegen noch einfacher gestrickt. Vielleicht auch aufgrund der wenigen französischen Wörter die sie beherrschen. „Bonbons, Stilo, Dirham“ ist die Reihenfolge der Wörter die sie kennen und über das ganze Land hinweg von Ost nach West, von Nord nach Süd immer gleich artikuliert werden. 

Die Wüste lebt

Stell dir vor – du stehst mitten im Nirgendwo. Du hast eine Fahrt von 5 Stunden hinter dir. Eine anstrengende Fahrt durch ausgetrocknete Flussbeete, über Schotterpisten, Steilhänge, enge Passagen die höchste Konzentration von dir abverlangen. Du hast deinen Punkt auf 2700 Meter über Meer erreicht an dem du nächtigen willst. Du geniesst die Ruhe, den atemberaubenden Ausblick bis weit in den Horizont reichend. Kannst nach der Fahrt selber runterfahren und dich erholen. Ruhe kehrt ein… eine Atmosphäre der Entspannung und Gelassenheit deckt dich zu wie ein wärmespendender Mantel. „Bonjour, ça va? Bonbon, Stilo, Dirham?“ WAAAAS??? Bin ich bekloppt, halluziniere ich? Auf 2700 MüM kommt einer daher mit den zu hundertfach gehörten Wörtern. Da flattert dir das Zahnfleisch wie bei einem löchrigen Dudelsack. Nein, das kann es nicht sein. Bei aller Freundlichkeit, Höflichkeit und auch guten Absichten. Das brauche ich nicht. 

Eine Geschichte denkst du? Nein, Tatsache. Über das ganze Land verteilt… nonstop kommt irgendwoher einer daher. Wenn dir jemand sagt die Wüste ist Tot, geh nach Marokko in die Wüste – sie lebt. Aber wir haben in der Tat Plätze gefunden an denen wir wirklich alleine waren und die oben genannte Ruhe auch geniessen konnten.

Wir vermissen das marokkanische Essen

Mit der Vorstellung, dass das marokkanische Essen ein Feuerwerk für den Gaumen sein soll aufgrund der vielen Gewürze die man von den Gewürzstand-Motiven von Postkarten kennt, freuten wir uns riesig auf das Essen. Enttäuschung und Ernüchterung hat sich schnell eingestellt. Tajine und Couscous auf jeder Speisekarte, in jedem Restaurant und das landauf, landab. Und nicht mal lecker oder vielfältig gewürzt. Schmecken alle gleich, mit denselben Zutaten aufbereitet. 

Wir haben uns dann auch mal in eine Hinterhof-Küche geschlichen in der Hoffnung, dass da wo die Einheimischen essen, die Tajine oder der Couscous richtig lecker gewürzt ist. Nö… das gleiche. Was wir ganz sicher vermissen werden sind die Massen an Oliven – Wow, die Dinger sind lecker.

Wir vermissen Ali Nassir aus Zagora

Was ist Ali Nassir? Nicht was, wer! Ali ist in der Offroad-Szene, oder zumindest jenen die durch die Wüste gefahren sind und es bis nach Zagora geschafft haben, ein Begriff. Er und sein Team sind Mechaniker (Ali Nassir on FB). Sie haben für alles und jeden Schaden eine Lösung parat. Und wenn es keine Lösung gibt, dann lösen sie die keine-Lösung. 

Wir haben nach der Wüstenfahrt von Merzouga nach Zagora – rund 250 Kilometer Sand-, Kiesel- und Schotterpisten –  halt gemacht bei Ali und wollten im Grunde nur einen Ölwechsel und Abschmieren machen lassen. Doch weil unser Duro nur eine kraftaufwendige Kippvorrichtung hat, haben wir Ali gefragt, ob er eine hydraulische Kippvorrichtung einbauen kann. Unsere Kabine wiegt rund 600 Kilo und diese mussten wir bis dahin manuell und mit viel Kraft kippen. Zuerst hat er verneint, doch dann muss ihm doch noch ein Gedanken gekommen sein und er hat rumtelefoniert. Nach ein paar wenigen Telefonaten hat er zu uns gesagt, wir sollen morgen um 10 Uhr wieder kommen. Er hätte eine Kippvorrichtung die dann aus Casablanca bei ihm sei zum Ausmessen. Am nächsten Tag standen wir da, die Kippvorrichtung vor uns. Es wurde gemessen und diskutiert und dann hat uns Ali eine Offerte gemacht. Für diesen Preis konnten wir nicht Nein sagen. Jetzt haben wir eine funktionierende, hydraulische Kippvorrichtung. Die Bandscheiben danken es uns. 

Fazit

Vielleicht hatten wir zu hohe Erwartungen oder einfach nur eine allzu romantische Vorstellung von der Wüste und Marokko. Die Landschaft und die Ruhe, die wir auch gefunden haben, waren sicherlich einzigartig und haben unsere Erwartungen erfüllt. 

Aber das meist aufdringliche Verhalten, das ewige „Ich-will-dir-was-verkaufen“, das eintönige Essen bewegt uns wenig und wird uns sicher nicht so schnell nach Marokko zurückführen. 

Was sehr gut war und ich jedem der nach Marokko reist empfehle, ist, nach der Überfahrt maximal eine Stunde nach Ankunft im Hafen Tanger-Med gleich einen Stellplatz aufzusuchen. Wir haben einen sensationellen Platz gefunden. Beim Restaurant Argovia (Ja richtig, Argovia – wie der Kanton Aargau und sein Radiosender) in Tetouan. Man kann hier parkieren und sich im Restaurant zugleich verwöhnen lassen. Die Küche ist echt lecker.

Das schönste Erlebnis war – hier spreche ich für die Dubu’s – das Vertrauen von Yvonne und Guido und Sybille und Herrmann. Hilfe und Unterstützung sind von allen gekommen – sei dies in Gesprächen gewesen, Diskussionen oder in gefährlichen Situationen. Wir werden sie vermissen.

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