Wir vertrauen...

Was wir vermissen von Frankreich

Ja, was vermissen wir? Kurz gesagt – alles. Und das will was heissen. Denn ich stehe seit dem ersten Französisch-Unterricht – das wären heute rund 38 Jahre – auf Kriegsfuss. Jetzt bedauere ich, dass ich nicht besser französisch spreche. Ich hätte mich so gerne mit den Franzosen unterhalten, den Diskussionen gefolgt oder einfach mal nach der Richtung gefragt. Das Land – allen voran die Bretagne – und die Leute konnten einen grossen Platz in meinem Herzen gewinnen. Auch Claudia ist fasziniert von Frankreich und ebenso von der Bretagne. Und darum: Was wir vermissen von Frankreich – ist so vieles und darum wird der Bericht ein klein wenig länger.

Wir vermissen von Frankreich

Normandie – traurige Vergangenheit und starke Winde

Die Normandie hat eine bewegte Vergangenheit. Jüngst sind die traurigen Überbleibsel des 2. Weltkrieges an vielen Orten allgegenwärtig. Diese stummen Zeitzeugen lassen uns nachdenklich werden. Wenn ich heute, 2018, den Blick nach draussen in die Welt schweifen lasse und mir das Weltgeschehen vor Augen führe, hat sich im Grunde nicht viel geändert. Syrien ist seit Jahren im Krieg. Sudan und besonders der Südsudan (man hört und liest wenig in den Medien, wieso eigentlich ???) hat die Grenzen jeglicher Form von Menschlichkeit verloren. Genozid im südasiatischen Raum ist an der Tagesordnung. Und viele weitere Länder könnte man hier auflisten. Traurige Welt. Der Mensch hat nichts gelernt aus der Vergangenheit und ich frage mich manchmal, ob es nicht an der Zeit wäre, dass ein massiger Meteor auf die Erde aufschlagen würde und den Tag zur Nacht werden liesse. Das sind jedoch Themen die wir ganz sicher NICHT vermissen. Darum jetzt zum eigentlichen vermissen.

Wer schon einmal an einer der vielen Steilküsten der Normandie gestanden hat, kennt diesen rauhen, garstigen Wind. Und der ist herrlich. Man stelle sich dabei kurz vor einer Klippe einfach in Windrichtung, mache ein paar Schritte näher an die Klippe heran und lässt sich dann vom Winde tragen. Diese ungeheure Kraft des luftigen Elementes ist hier wahrlich am ganzen Körper zu spüren. Teilweise werden Geschwindigkeiten von bis zu 150 Km/h erreicht. Hei… da legst die nieder und stehst so schnell nicht mehr auf wenn dich so ein Lüftchen erwischt. 

Steht man am Morgen in der Früh an einer der steilen Küsten könnte man denken, jemand hat das Meer über Nacht geklaut. Die Gezeiten sind hier enorm und in den Morgenstunden ist Ebbe. Da machen sich die Franzosen in Scharen auf – bewaffnet mit Gummistiefeln, Messern und Körben – im Watt nach Muscheln, Austern und Krabben zu suchen. Das Messer ist aus zwei Gründen mit dabei. Einerseits um die Muscheln von den Felsen zu schneiden, andererseits um die eine oder andere zu knacken und gleich als Frühstück zu verspeisen. 

Nähert man sich von Dieppe einem der grössten Hafenstädte Europas, Le Havre, gelangt man zuvor an der Alabasterküste an ein Naturphänomen das Massen von Schaulustigen – man nennt diese üblicherweise Touristen – anzieht. Im kleinen aber schnuckligen Ort Étretat kann man den erodierten Felstorbogen bestaunen. Wir sind bereits am Morgen am Strand und können – weil Ebbe – unter den Klippen durchspazieren (Naja, es war mehr ein klettern, abseilen und hangeln) und das Loch im Fels der Küste hautnah erleben. Das laufen auf den grossen Kieselsteinen ist sehr mühsam und hat Claudia auch einen Muskelkater beschert – am nächsten Tag. Und weil es in der Nacht teilweise schon recht kühl wird, hat sich die Flora an dieser Steilküste auch schon langsam das Herbstkleid übergestreift. Was natürlich dazu führt, dass sich die Kontraste zum Extrem hin präsentieren. 

Kurz bevor man in die Bretagne fährt, präsentiert die Normandie noch eines der weltweit bekanntesten Sehenswürdigkeit – Le Mont Saint Michel. Wir parkieren an der Küste beim kleinen Ort Grandville und haben einen Wahnsinnsblick (inklusive Sonnenuntergang) auf die Insel mit Kathedrale im Meer. Am nächsten Tag begeben wir uns dann – wie es sich für Touristen gehört – mit Fotoapparat und Rucksack bewaffnet zur Insel. Die kleinen Gassen am Fusse der Berginsel… oder heisst es Insel mit Berg… oder gar Inselberg… egal – sind eng und alt aber sehr gut gepflegt. Kunststück – ist ja auch das Kapital dieses Örtchens. Der Weg führt dann hinauf zur Kathedrale. Die verlangen für den Zutritt des geweihten Ortes natürlich Eintritt von 10 Euro. Hey, sagen wir uns… wir sind nur einmal hier und berappen den Eintritt. Berappen??? Das kann man ja nur sagen beim Schweizer Franken kleiner Einheit, dem Rappen. Muss das denn jetzt becenten heissen? Wie auch immer, der Blick hinaus aufs Meer – wenn denn nicht schon wieder Ebbe wäre – ist atemberaubend. Sand, nichts als Sand bis zum Horizont. Das ist Kilometerweit Ebbe – falls dieser Ausdruck so Gültigkeit hat. 

Bretagne – Heimat von Asterix und Obelix

Die Comicexperten streiten sich glaube ich noch heute, wo das Dorf der Unbeugsamen denn wirklich ist. Ich kann dazu nur sagen: „Die spinnen die Experten.“ Die Bretagne – wie soll man dieses Departement beschreiben? Mit Worten alleine kann dieser wunderschöne Küstenabschnitt nicht beschrieben werden. Die Natur ist überwältigend. Die zähen Pflanzen an den Küsten und einsamen Buchten erinnern mich an die Maggia auf Korsika. Ich weiss nicht wie diese Pflanzen hier heissen, aber der Duft ist auch im Herbst unvergleichlich. Wenn einem der Wind einmal nicht ganz so heftig um die Ohren pfeift, dann legt sich ein Teppichduft von Rosmarin, wildem Fenchel, salzigen Algen und Erika (Pflanze die es im Herbst beim Floristen überall zu kaufen gibt) über die Natur. Mit Blick auf das Meer, ungehindert bis zum Horizont und diesen Düften, da vergisst du schnell alle Sorgen. Hei… hier geht einem die Seele auf und das Herz wird leicht. 

Kulinarisch ist die Bretagne ebenfalls der Hammer. Wer kennt den als Cidre betitelten Drink Somersby? Schmeiss den industriellen Mist weg und geniess einen der unzähligen Cidre der Bretagne. Den Cidre gibt es als Brut oder Doux (Herb oder Süss) und sogar ein Rosé führt den Gaumen zu Freudentänzen. Das Getränk wird üblicherweise in einer Tasse serviert. Ist echt kein Witz! In jedem Restaurant stehen auf dem Tisch diese bauchigen Tassen und daraus wird der Cidre getrunken. Wer den Cidre aus einem Glas trinkt, wird gesteinigt. 🙂

Was der Cidre in flüssiger, sind die Galettes in fester Form. Die süssen Varianten sind besser bekannt als Crêpes und werden üblicherweise mit einer Mehlmischung und Milch zubereitet. Da wir beide (Claudia auf Milcheiweiss und ich auf Milchzucker allergisch reagieren) probieren wir die Crêpes gar nicht. Dafür umso mehr von den Galettes. Diese werden mit Buchweizenmehl und Wasser (natürlich mit noch mehr Zutaten) zubereitet und sind eher salzig zu geniessen. Der Vielfalt an Varianten sind keine Grenzen gesetzt. In der einfachen und klassischen Art werden die Galettes mit Jambon (Schinken), Oeuf (Ei) oder Champignons serviert. Der geneigte Leser hat sicher bemerkt, dass ich französische Wörter benutzt habe. Hehe…

Dann gibt es edlere Arten wie mit Roquefort (Blauschimmelkäse) oder Lachs. Und, und, und… ich kann die Vielzahl der Varianten nicht aufzählen. Besucht einfach mal die Bretagne und geniesst ein paar Galettes. Tolle Auswahl gibt es in Saint-Malo bei Les Lutins oder in Morlaix bei der Creperie L’Hermine.

Es gibt soviele schöne Orte in der Bretagne. Einmal im Leben muss man hier gewesen sein. Solche Aussagen treffe ich sonst nicht leichtfertig – für die Bretagne trifft dies in jedem Augenblick zu. 

Westküste – Strände, Sonne, Meer

Die Westküste ist der Treffpunkt für alle Arten von Wassersport. Hier werden die Wellen geritten, gesegelt, Kite gesurft, Potenzvergleiche mit PS-starken Booten geführt, Tauchen, Schnorcheln, SUP (Stand up Paddeling) etc. Das Meer hat hier für jede Wasserratte die richtige Welle oder Wassertemperatur parat. Apropos Wassertemperatur. Das scheint bei den Surfern und Kitern nie ein Hindernis zu sein. Egal ob die See bei Beaufort 9 oder 10 die Gischt in die Höhe treibt, die Lufttemperatur den Poppel in der Nase gefriert… Die Surfer und Kiter stehen auf ihren Brettern und jagen durch die Wellen oder springen hoch in die Lüfte. Ich muss mal einen Surfer/Kiter näher auf die Füsse schauen… vielleicht haben die Schwimmhäute zwischen den Zehen oder so eine Haut wie Enten an den Füssen haben… wer weiss. 🙂

In La Croisic stehen wir am Strassenrand, nur wenige Meter neben dem Sandstrand. Hier geniessen wir noch ein letztes Bad, denn die Wassertemperaturen sind echt brrrr… gefühlte 16 Grad oder so. Und am nächsten Tag nehmen wir die Fahrt nach La Rochelle auf. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht was uns in La Rochelle erwartet. 

Wir fahren also in La Rochelle ein, parkieren den DuBu auf einem Stellplatz ausserhalb des Stadtkernes und watscheln frohen Mutes ins Zentrum der Stadt. Auf dem Weg dahin sehe ich eine Leuchttafel. Gewöhnlich schaue ich solche Werbetafeln nicht an – obschon ich in einem früheren Leben Marketing-Fuzzy war. Doch diese Tafel hat was Magisches – Schiffe. Es ist der vorletzte Tag dieser Ausstellung und so beschliessen wir, am Sonntag an die Messe zu gehen. Und hey… wir als Segelliebhaber haben mehr als nur Blut geleckt an diesem Tag. Wir schlendern durch die Stege und staunen ob der Vielzahl der Schiffe hier. Wir bleiben bei der Marke Neel stehen. Neel baut Trimarane, aber nicht gewöhnliche. Neel hat den Wohnkomfort eines Katamarans und die Segeleigenschaften eines Trimarans vereint und daraus sind wunderschöne, schnelle und sichere Schiffe entstanden. We’s nicht glaubt, soll hier einen Blick reinwerfen http://www.neel-trimarans.com. Ganz besonders angetan hat uns die Neel 47. Zu diesem Zeitpunkt noch im Bau, soll dann aber in La Grande Motte Ende April 2019 der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Dieser Termin ist dick und fett in unserer Agenda eingetragen. 

Dann stehen wir unvermittelt vor Amel. Einem weiteren Bootsbauer der Spitzenklasse. Amel-Schiffe haben den Ruf, dass diese auch nach vielen Jahren immer noch sehr robust sind und sehr guten Wohnkomfort vermitteln. Wir betreten – wie zuvor auch die Neil 45 und 51 – die neue Amel 50. Ein Wahnsinn… über und unter dem Deck überzeugt die Amel in jeder Hinsicht. Ich will von diesem Schiff nicht mehr runter. Gleich Einpacken, Schleife drum, mitnehmen. Ein Blick gefällig? Hier gibt es mehr: https://www.amel.fr/amel-50/

Wir fahren weiter gen Süden und treffen mitten in der Nacht in der Gegend bei Arcachon ein. Hier wollen wir am nächsten Tag die grösste Wanderdüne von Europa – die Dune du Pilat – besteigen. Wer kennt Murphy? Vor allem wer kennt sein Gesetz – Murphy’s Law? Der Typ scheint immer dann aufzutauchen, wenn man ihn bzw. Sein Gesetz ganz sicher nicht brauchen kann. So auch bei unserem Aufstieg auf die Düne von Pilat. Wir fahren entlang des Waldes zu einem Parkplatz, steigen aus und wandern los. Aufgrund des dichten Waldes entlang der gesamten Düne, sehen wir natürlich nicht wo die Düne am höchsten ist. Und jetzt eben kommt dieser Murphy-Typ daher. Wir haben selbstverständlich da parkiert, wo die Düne am höchsten und steilsten ist. Wenn ich dem Murphy mal begegnen sollte, hau ich dem dermassen ans Schienbein, dass er in den Keller rollt. Wir erklimmen also bei einer Steigung von sicher an die 80% die Düne auf eine Höhe von rund 140 Meter – echt toll. Aber die Anstrengungen werden belohnt von der atemraubenden Aussicht vom höchsten Punkt der Düne. Sonnenschein, blauer Himmel und das Meer in ebensolchem Blau. Ein lauhes Lüftchen weht und einfach nur boahhh…

Fazit

Frankreich und besonders die Franzosen in der Bretagne haben uns enorm beeindruckt. Dabei hat diese Region und die Menschen dort einen Platz in unseren Herzen erobert. Wir kehren jederzeit sehr sehr gerne wieder zurück an diesen bezaubernden Ort. Die Gemütlichkeit beim Essen, dem Geniessen wie auch beim Autofahren begegnet der Franzose ohne Druck. 

Ein Klischee, welches den Franzosen seit langem anhängt, können wir nur bestätigen. Ein Franzose ohne Baguette ist nur ein halber Franzose. Doch das ist nicht schlimm im Gegenteil, die Vielzahl der Baguette-Varianten ist faszinierend. Und schmecken tun die Dinger toll. Also wir werden die Baguettes ganz sicher vermissen. Das soziale Leben spielt sich bei den Franzosen häufig auf einem einfachen, bevorzugt sandigen Platz ab. Hier trifft sich jung und alt zum gemeinsamen Kugelspiel – dem Boule. Wir haben auch gleich ein Set gekauft und versuchen uns gegenseitig immer wieder im Wettbewerb. 

Was uns ganz stark beeindruckt hat ist, dass in jedem Laden – ob Super- Hyper- oder Megamarche – in der Gemüse- und Früchteabteilung keine Plastiksäcke zu finden sind. Dagegen findet man Kompostiersäcke. Da können sich Europaweit noch manche Läden ein grosses Stück abschneiden. Gerade die ganz grossen Player auf dem Gebiet wie Lidl, Aldi, Migros, Coop etc. sollten endlich vorwärts machen und die Plastiksäcke endgültig verbannen.

Wir sind sehr angetan von Frankreich und sind bei soviel Leidenschaft diese Land gegenüber beinahe schon halbe Franzosen. Jetzt muss es nur och mit der Sprache klappen. 

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